Didaktische Überlegungen zur Digitalisierung: Ein Plädoyer für das Dilemma

In einem anderen Artikel wurde bereits verdeutlicht, warum sich Klafkis Problemunterricht, der von Schlüsselproblemen ausgeht, gut eignet als didaktische Grundlage eines digitalen oder digitalisierten Religionsunterrichtes, der die Förderung einer Medienkompetenz zum Ziel hat. Im Folgenden werden diese allgemeinen Grundlagen konkretisiert, dabei auch die bereits angesprochenen Medien- und Handlungskompetenz miteinander verknüpft und die Ausführungen auf den Religonsunterricht bezogen.

Ausgehend von der zuvor erwähnten Liste Klafkis mit epochaltypischen Schlüsselproblemen wurden bereits ethische Schlüsselprobleme identifiziert, die sich für die Bearbeitung im Religionsunterricht eignen. In dieser Liste nehmen die neuen elektronischen Medien einen eigenen Punkt ein (vgl. Lachmann et. al. 44f.). In der weiteren Ausarbeitung dieses ethischen Schlüsselproblems macht Pirner mehrere Zusammenhänge zwischen Medien und Ethik deutlich (vgl. Pirner 200ff.):

  • Die Frage des Umgang mit Medien kann ethische Qualitäten einnehmen
  • Medien können durch ihre Eigenarten unsere Formen der Kommunikation und des Zusammenlebens so bestimmen oder verändern, dass moralische Probleme entstehen
  • Über die Medien werden auch moralische bzw. moralisch relevante Inhalte publiziert
  • Medien selbst werden zum Gegenstand von ethische Kommunikation
  • Eine Thematisierung von Medienethik findet auch innerhalb der Medien statt

Um den aufgeführten Herausforderungen begegnen zu können wird eine Bildung gefordert, die die Medienkompetenz, einschließlich der medienethischen Kompetenzen, explizit fördert (vgl. Pirner 212). Dieses Konzept wird von Pirner benannt als medienweltorientierte Religionsdidaktik.

Die bereits im ersten Artikel angesprochene Doppelnutzung der Medien von uns als Prosumenten hat zur Folge, dass Medienkompetenz Wissen und Können in zwei verschiedenen Handlungszusammenhängen in gleicher Weise voraussetzt (vgl. Tulodziecki 113):

  1. im Zusammenhang der Auswahl und Nutzung vorhandener Medienangebote
  2. im Zusammenhang der Gestaltung und Verbreitung eigener Medienbeiträge

Wie bereits festgestellt ist die Medienkompetenz Teil einer handlungsorientierten Pädagogik und selbst eine Handlungskompetenz. Auch wenn dies schon ausreichend sein sollte, fordern daneben auch die Lehrpläne selbst eine Handlungsorientierung. Um dieser Forderung nach der Ausrichtung auf Handlungskompetenz gerecht zu werden hat Gerhard Tulodziecki einen handlungsorientierten Ansatz entworfen und auch explizit auf die Medienpädagogik bezogen. Dabei liegt der Fokus seiner Didaktik darauf, „[…] dass Medienrezeption und Medienproduktion als situations- und bedürfnisbezogene Handlungen im jeweiligen sozialen Kontext verstanden werden.“ (Tulodziecki 2007, 102) Es sind, seiner Meinung nach, „ […] vier Leitvorstellungen für Erziehung und Bildung bzw. für das Handeln in einer von Medien mitgestalteten Welt […notwendig…]: sachgerechtes Vorgehen, Selbstbestimmung, Kreativität und soziale Verantwortung.“ (Tulodziecki, 106) Diese vier Leitvorstellungen sind nicht nur notwendig, um den negativen Aspekten der Medien und ihrer Nutzung begegnen zu können, sondern auch um die positiven Aspekten letztendlich zur Geltung bringen zu können. Denn erst durch sachgerechtes, selbstbestimmtes, kreatives und sozial verantwortliches Handeln können Medien ihre Funktionen und Potenziale entfalten und uns entsprechend dienen (vgl.ebd., 107).

Um diese Leitvorstellungen nun im Unterricht zu implementieren und den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, soll der Unterricht als eine Auseinandersetzung mit zu beurteilenden Situationen und Herausforderungen geplant und durchgeführt werden. Entsprechend Klafkis Schlüsselproblemen entwirft Tulodziecki Dilemmata, unter denen Situationen verstanden werden, in denen die Schülerinnen und Schüler mehrere Handlungsmöglichkeiten haben und sich begründet entscheiden sollen. Daher nennt Tulodziecki sie auch Entscheidungsfälle. Diese Entscheidungsfälle oder auch ebenso geeignete Probleme, Beurteilungs- oder Gestaltungsaufgaben sollten nach Möglichkeit aus der Lebenswelt der Schüler*innen entnommen werden. Wird methodisch sichergestellt, dass die Schüler*innen den jeweiligen Fall aus verschiedenen Perspektiven betrachten, so ermöglichen diese Situationen entwicklungsförderliche Lernprozesse (vgl. Tulodziecki, 108). Dies beinhaltet dann nach einer Reflexion eine Förderung von inhaltlichen Kompetenzen, personalen Kompetenzen und letztlich der Medienkompetenz. Schüler*innen erarbeiten sich so selbstständig Lösungsstrategien, die sie zukünftig übertragen und anwenden können.

Literatur

  • Lachmann, Rainer / Adam, Gottfried / Rothgangel, Martin (2015): Ethische Schlüsselprobleme. Lebensweltlich – theologisch – didaktisch. Theologie für Lehrerinnen und Lehrer. Band 4. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
  • Pirner, Manfred L. (2015): Neue elektronische Medien. Ethische Schlüsselprobleme. Lebensweltlich – theologisch – didaktisch. Hrsg. Lachmann, Rainer / Adam, Gottfried / Rothgangel, Martin. Theologie für Lehrerinnen und Lehrer. Band 4. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 198-215
  • Tulodziecki, Gerhard (2007): Handlungs- und entwicklungsorientierte Medienpädagogik – theoretische Grundlagen, Umsetzungen und Forschung. Jahrbuch Medienpädagogik 6. Hrsg. Sesink, Werner / Kerres, Michael / Moser, Heinz. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 102-117

Autorin
Elena Gielians ist Lehrerin an einer berufsbildenden Schule in Hildesheim, Niedersachsen. Sie unterrichtet in der Fachrichtung Druck-/Medientechnik und im Fach Religion. Sie setzt sich für eine Stärkung des Religionsunterrichtes im berufsbildenden Bereich ein und ist daneben (u.a.) an den Themen Bildung, Medien, Digitalisierung und Feminismus interessiert. Außerdem ist sie Vorstandsmitglied der VER Niedersachsen.
Twitter: https://twitter.com/Helmutsdottir
Blog: https://helmutsdottir.blog

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CC BY-SA 4.0 Elena Gielians | www.lehren-und-lernen.ch


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